03.08.2026
Ein Murgang entsteht oft in kürzester Zeit. Das Gemisch aus Wasser und Feststoffen kann sehr schnell durch ein Bachbett ins Tal rasen. Die Masse kann Gebäude zerstören, Strassen verschütten und Menschen gefährden. Forschende untersuchen deshalb, wie Murgänge entstehen, wie sie sich bewegen und wie wir uns besser davor schützen können.
Bei einem Hochwasser führt ein Bach oder Fluss sehr viel Wasser. Ein Murgang führt zusätzlich grosse Mengen an Schlamm, Geröll, Felsblöcken und oft auch Holz mit sich. Die dichte Masse entwickelt enorme Kräfte und kann grosse Schäden verursachen.
Damit ein Murgang entsteht, braucht es viel Wasser, ausreichend loses Gesteinsmaterial und steiles Gelände. In der Schweiz sind diese Bedingungen in vielen steilen Gebirgsbächen (Wildbächen) vorhanden.
Murgang – was ist das? Lesen Sie mehr über Murgänge und den Unterschied zu einem Flusshochwasser im Arbeitsheft «Natur, gewaltig!» auf S. 34.


In der Schweiz treten regelmässig Murgänge auf. Viele Murgänge ereignen sich weit entfernt von Siedlungen. Sie verursachen kaum Schäden und bleiben oft unbemerkt. Einzelne Murgänge erreichen jedoch Dörfer, Strassen und Bahnlinien. Besonders eindrückliche Beispiele stammen aus dem Sommer 2024.
Am 12. August 2024 schwoll der Milibach in Brienz (BE) nach einem heftigen Gewitter innert kurzer Zeit stark an. Ein Murgang verwüstete Teile des Dorfs. Häuser, Strassen und Bahnanlagen wurden beschädigt. Zahlreiche Menschen mussten das gefährdete Gebiet verlassen.
Brienz war bereits 2005 von schweren Murgängen betroffen. Damals richteten der Trachtbach und der Glyssibach grosse Schäden an. Die Ereignisse zeigen, wie wichtig langfristige Beobachtungen, aktuelle Gefahrenkarten und gut geplante Schutzmassnahmen sind.
Bilder und weitere Informationen zum Ereignis:
Am 21. Juni 2024 führten intensive Gewitter im Misox (GR) zu Überschwemmungen, Rutschungen und Murgängen. Besonders schwer betroffen war die Ortschaft Sorte bei Lostallo. Häuser wurden zerstört und Menschen verschüttet. Fachpersonen untersuchten das Ereignis danach genau. Die Erkenntnisse fliessen in die Überarbeitung der Gefahrenkarten und die Planung von Schutzmassnahmen ein.
Bilder und weitere Informationen zum Ereignis.

Jeder Wildbach ist anders. Das Gelände, das Bachbett, das vorhandene Material und die Wassermenge beeinflussen die Auslösung und den Ablauf eines Murgangs. Auch die Bodenfeuchte und frühere Ereignisse spielen eine Rolle. Starker Regen löst deshalb nicht automatisch einen Murgang aus. Umgekehrt kann ein Gewitter im oberen Einzugsgebiet eines Wildbachs einen Murgang auslösen, obwohl es im Tal unten noch trocken ist.
Diese vielen Faktoren beeinflussen einander. Das macht Murgänge wissenschaftlich spannend, erschwert aber auch eine genaue Vorhersage.
Kurzfilm zur Murgangforschung am Illgraben
Am Illgraben bei Leuk im Wallis treten jedes Jahr mehrere Murgänge auf. Das ist selbst im Alpenraum selten. Für die Forschung bietet der Illgraben deshalb eine besondere Chance. Die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL beobachtet dort seit dem Jahr 2000 natürliche Murgänge.
Während eines Murgangs können Menschen nicht neben dem Bach stehen und Messungen durchführen. Kameras und Messgeräte übernehmen diese gefährliche Aufgabe und erfassen unter anderem die Fliesshöhe, die Geschwindigkeit, das Volumen, den Druck und die Dichte eines Murgangs. Sie messen auch die Kräfte am Boden des Bachbetts und zeigen, wie stark ein Murgang das Bachbett abträgt.
Diese Daten helfen, Murgänge besser zu verstehen und bilden eine Grundlage für Warnsysteme, Schutzmassnahmen und genauere Computermodelle.
Messungen von Murgängen erfolgten bisher meist nur an einzelnen Standorten. 2026 gelang der WSL eine besondere Messung. Forschende zeichneten einen Murgang erstmals lückenlos über eine Strecke von zwei Kilometern auf.
Dafür installierten sie entlang des Illgrabens Geofone. Diese kleinen Messgeräte erfassen Erschütterungen im Boden. Anhand der Signale konnten die Forschenden nachvollziehen, wie sich der gesamte Murgang talwärts bewegte.
Die Messungen liefern neue Einblicke in den Ablauf und die Entstehung von Murgängen. In einem Murgang können sich wellenartige Schübe bilden. Diese Murgangwellen bewegen sich schneller als der übrige Teil der Masse. Die Wellen beginnen klein und werden auf dem Weg ins Tal grösser.
Beobachtungen und Messungen im Gelände liefern wertvolle Daten. Sie beantworten aber nicht jede Frage. Forschende führen deshalb auch Versuche im Labor durch. Dort können sie einzelne Bedingungen gezielt verändern. Sie untersuchen zum Beispiel, wie verschiedene Materialien fliessen oder wie zuverlässig Sensoren funktionieren.
Computermodelle verbinden die Messdaten mit digitalen Geländemodellen. Sie berechnen mögliche Fliesswege, Fliesshöhen, Geschwindigkeiten und Ablagerungsorte. Solche Modelle helfen Fachpersonen bei der Erstellung von Gefahrenkarten und Schutzprojekten.
Ein Modell bildet die Natur nie vollständig ab. Jeder Murgang verläuft anders. Gute Messdaten verbessern die Berechnungen laufend und helfen dabei, die Gefährdung zunehmend besser einzuschätzen.
Nach Murgängen untersuchen Fachpersonen die Ereignisse. Sie vergleichen ihre Beobachtungen mit bestehenden Modellen und Gefahrenkarten. So erkennen sie, wo Berechnungen angepasst oder Schutzbauten ergänzt werden müssen. Jedes dokumentierte Ereignis liefert damit neue Erkenntnisse für den Schutz vor künftigen Murgängen.
Der Schutz vor Murgängen beginnt bei der Raumplanung. Neue Gebäude sollen möglichst ausserhalb stark gefährdeter Gebiete gebaut werden. Dämme, Mauern und Ablenkbauwerke können einen Murgang lenken. Geschiebesammler halten einen Teil des Materials zurück.
Auch Warnsysteme und Notfallpläne sind wichtig. Sie geben der Bevölkerung und den Einsatzkräften Zeit zum Handeln. Bei einer Warnung gilt: Halten Sie Abstand zu Bachläufen und befolgen Sie die Anweisungen der Einsatzkräfte und Behörden.
Eine einzelne Massnahme bietet keinen vollständigen Schutz. Am besten wirkt eine Kombination aus Raumplanung, Schutzbauten, Warnung und richtigem Verhalten.
Murgang – wie kann man sich schützen? Auf S. 35 im Arbeitsheft «Natur, gewaltig!» planen Schülerinnen und Schüler Schutzmassnahmen für ein Bergdorf. Das Begleitheft erklärt dazu ab S. 30, wie Lehrpersonen das Thema im Unterricht vertiefen können.

Murgänge bleiben schwer vorhersehbare Naturereignisse. Die Forschung liefert jedoch immer genauere Daten und Modelle. Sie zeigt, wie Murgänge entstehen und ablaufen und welche Schutzmassnahmen sinnvoll sind. Wer die Abläufe besser versteht, erkennt Gefahren früher und kann angemessen handeln. Die Murgangforschung trägt dazu bei, Menschen, Gebäude und Infrastrukturen besser zu schützen.
Illgraben 29.05.2017 - Murgang
WSL News vom 10.06.2026: «Rezept für gefährliche Murgänge»
WSL News vom 04.06.2026: «Meterhohe Murgangwellen entlangdes Illgrabens vermessen»
WSL Murgangforschung: Gefährliche Mischung – Murgänge
WSL Illgraben:«Murgangtestgelände Illgraben»
SRF Beitrag Wissen: «Wenn der Berg rutscht – wie gefährlich sind Murgänge»: